Apple stellt das nächste Betriebssystem für iPhone, iPod touch und iPad vorgestellt und erfüllt die wichtigsten Anwenderwünsche: Multitasking, Ordner, Unified E-Mail. Als Sahnehäubchen wirbt Steve Jobs für iAd. Mit der neuen Werbeplattform sollten vor allem Entwickler glücklich sein, was wiederum dem App Store und damit auch den Anwendern zu Gute kommen sollte.
Developer-Seite zur Keynote: Warten auf iPhone OS 4.0 Beta
Das Motto der Keynote von Apple, durch die Steve Jobs führte, kann man als „Die sieben Säulen der App-Weisheit“ bezeichnen – die Sieben taucht denn auch öfter auf, vielleicht eine Anspielung auf Mobile 7 von Microsoft. Die Beschränkung auf lediglich sieben Punkte ergibt Sinn, schließlich punktet das OS 4.0 mit über hundert neuen Funktionen und sogar 1500 Programmierschnittstellen (APIs). Ansonsten dampft der Keynotezug in bewährter Souveränität vor sich hin.
Die Keynote beginnt
Schmetterlinge im Bauch
Steve Jobs betritt die Bühne und spricht beim iPad-Start von Schmetterlingen im Bauch, die man bei einer solchen Produkteinführung habe. Bis Mittwoch Abend habe man 450.000 Geräte verkauft, die frischen Besitzer hätten 3,5 Millionen Apps im App Store heruntergeladen — insgesamt hätten Anwender bis zu diesem Zeitpunkt die Wahl aus 3500 Apps gehabt. Jobs spricht von Schmetterlingen im Bauch, wenn man ein neues Produkt veröffentlicht.
iPad-Umarmung
Noch beeindruckender sind die allgemeinen App Store-Zahlen: 4 Milliarden Downloads, 185.000 Apps erreichen iPhone und iPod touch. Insgesamt 85 Millionen Geräte habe der Hersteller nun verkauft, davon 35 Millionen iPod touch.
Nach diesem Einstieg steht endlich das OS 4.0 auf dem Programm. Für Entwickler ist es ab sofort in einer Beta-Version zu haben, iPhone und iPod touch-Besitzer müssen bis Sommer warten, iPad-Besitzer will Apple erst im Herbst beglücken.
Neue Funktionen in OS 4.0
Die sieben Säulen: Multitasking
Als wichtigste Neuerung stellt Steve Jobs das Multitasking heraus. Dabei habe Apple es geschafft, die Probleme mit Geschwindigkeit und Akkulaufzeit zu lösen. Tatsächlich unterscheidet sich das Multitasking — die parallele Verarbeitung von Programmen – grundlegend von dem unter zum Beispiel Mac OS X. Apple nennt sieben Dienste, die aktiv bleiben, wie Backround Audio, VoIP und Background Location – ansonsten speichert das OS den augenblicklichen Zustand der App und pausiert sie. Es ist also nicht möglich, zwei Apps vollständig parallel auszuführen — auf iPhone und iPod touch sicherlich kein großer Makel, auf dem iPad womöglich schon.
Multitasking mit Tap Tap
Mit VoIP funktioniert zum Beispiel Skype auch dann weiter, wenn man gerade Mails aufruft. Backround Location ermöglicht es Navigationssystemen, auch dann die Streckenführung durchzusagen, wenn der Anwender in eine andere App wechselt. Die Bedienung zeigt Jobs anhand des Spieles Tap Tap. Anstatt das Spiel mit einem Druck auf die Home-Taste zu beenden, drückt man die Taste zweimal — der Bildschirm schiebt sich nach oben und gibt den Blick auf eine Leiste mit den gerade aktiven Programmen frei. Zwischen ihnen kann man nun einfach hin– und herspringen. Tap Tap blendet bei Rückkehr einen Counter ein, bevor das Musikspiel weiter das Taktgefühl herausfordert.
Multitasking in OS 4.0 im Video
Ein Wermutstropfen bleibt: Multitasking funktioniert derzeit nur auf der aktuellen iPhone und iPod touch-Generation. Besitzer der ersten Generation müssen zudem auf OS 4.0 ganz verzichten.
Die sieben Multitasking-Dienste
Ordner: Über 2000 auf dem iPhone verwalten
Ordner-Verwaltung
Apps gibt es viele und viele Anwendersammeln Apps, die sich dann unübersichtlich auf dem Gerät verteilen und teilweise nur über die Suchfunktion zu finden sind – wenn man die Zahl von 180 Apps sprengt, dann landen weitere auf „unsichtbaren Bildschirmen“. Mit OS 4.0 kommen Ordner. Man muss dafür lediglich ein Icon auf ein anderes schieben, das OS vergibt automatisch die Kategorie als optionalen Ordner-Namen (siehe Bild). Das Icon des Ordners zeigt dann die App-Icons in Minigröße an, insgesamt bringt man über 2000 Apps auf dem Iphone auf diese Weise unter.
E-Mails: Alles im Blick
Unified Inbox
Ein derzeitiges Ärgernis in Mail für Anwender mit vielen Mail-Konten ist der Umstand, dass man jeden Account einzeln abrufen muss. Mit der Unified Inbox erhält man alle neuen eingehenden Nachrichten auf einen Blick, also zum Beispiel jene von MobileMe, Yahoo und Exchange. Zudem kann Mail nun Threads zusammenfassen.
Die wichtigsten Neuerungen in Mail im Überblick
Praktisch dürfte auch die Möglichkeit sein, Dateianhänge mit einer App der Wahl zu öffnen. Dies Funktion dürfte besonders dem iPad zu Gute kommen. Nicht gezeigt hat Apple eine Funktion, die aber ebenfalls Einzug in OS 4.0 hält: Bilder lassen sich vor dem Versenden kleiner rechnen.
Kleiner Buchleser: iBooks
Apples E-Reader: iBooks auch für iPhone und iPod touch
Die vierte „Säule“ ist iBooks — die E-Book-Reader App von Apple erscheint in bewährter iPad-Optik auch für iPhone und iPod touch. Dabei können Anwender gekaufte Bücher auf dem iPad und iPhone lesen und Lesezeichen zwischen den Geräten synchronisieren.
Gute Nachrichten für Unternehmen
Funktionen für Firmen-Kunden
Apple verspricht, in OS 4.0 die Daten besser zu schützen: So lassen sich nun E-Mails verschlüsseln. Zudem unterstützt Apple nun mehrere Exchange-Konten, Exchange 2010 sowie die Verteilung von (Firmen-)Apps. Neuerungen gibt es auch bei SSL und VPN.
Spiele-Kontakte
Das neue Spiele-Center
Jetzt hat auch Apple ein eigenes Spielenetzwerk, das Game Center. Ende des Jahres soll es starten und ab Jahresende Spieler miteinander verknüpfen — das Spiele-Zentrum konkurriert dann mit dem Standard Open Feint, neben Multiplayer-Optionen lassen sich dann zum Beispiel Highscores übers Netz vergleichen.
Animierende Werbung
Emotion und Interaktivität: iAd
Die Gerüchteküche hat es angekündigt und Jobs stellt es als siebte und letzte Neuerung tatsächlich vor: iAd. Damit startet Apple einen eigenen Werbedienst, der direkt in die Touch-Plattform und das Betriebssystem eingebunden ist und laut Jobs „Emotion und Interaktivität“ verbinden soll. Dazu gehört auch, dass man die App nicht verlassen muss, wenn man die Werbung anklickt. iAd dürfte damit dem Platzhirschen AdMob das Leben schwer machen – Google hat AdMob vor Apples Nase weggeschnappt, allerdings ist der Deal noch nicht genehmigt. Apple schüttet 60 Prozent der Einnahmen an die Entwickler aus, die Werbung in ihre App einbinden – diese nutzt HTML 5 und ermöglicht Ton, Videos, kleinere Spiele und den direkten Kauf von Apps in der App – Flash bleibt außen vor. Und soll es auch, denn Apple bleibt hier seiner Linie treu.
Was Apple nicht zeigt
Über 100 neue Funktionen
Die Entwicklerversion ist verfügbar und offenbart weitere neue Funktionen – alle zu beschreiben, würde den Rahmen hier sprengen, deshalb die wichtigsten im Kurzdurchlauf: Hinweise in OS 4.0 deuten auf eine iChat-Version für das iPhone OS hin. Man kann es kaum glauben: Das „modernste Handy“ verzichtet bei SMS auf eine Zeichenzählung – die kommt tatsächlich erst in OS 4.0. Strom sparen können Anwender, wenn sie den Schalter „Cellular Data“ umlegen und damit die Telefonfunktion „lahmlegen“. Bisher geht das nur global über den Flugzeugmodus, der sämtliche Verbindungen – auch WLAN – kappt. Weitere Kleinigkeiten hat fsklog.de (http://www.fscklog.com/2010/04/feine-kleinigkeiten-aus-iphone-os-4-beta-1.html#comments) zusammengetragen.
Volle Kontrolle
Apple hat seine Hausaufgaben gemacht und erfüllt tatsächlich viele Anwenderwünsche. Manch Funktion war überfällig wie die Zeichenzählung bei SMS und die Unified Inbox, andere zeigen wieder, wie intelligent und konsequent Apple an der Weiterentwicklung des Betriebssystems arbeitet. Einen etwas bitteren Nachgeschmack hinterlässt allerdings Apples Wunsch nach möglichst vollständiger Kontrolle: Mit iAd, Game Center und iBooks konkurriert Apple direkt mit „freien Anbietern“. Einige Entwickler haben viel Zeit und Geld in die Entwicklung von E-Readern hineingesteckt, diese dürften über iBooks weniger erfreut sein.
Der eindeutige Verlierer ist aber Adobe, das auf dem iPhone mit Flash kein Fuß auf den Boden bekommt. Schlimmer noch: Apple schließt in den neuen Lizenzbedingungen die Verwendung von App-Baukästen aus, Entwickler sollen Apps lediglich in den eigenen „Dialekten“ Objective C, C++ und JavaScript erstellen dürfen – in CS5 will Adobe Flash die Möglichkeit geben, Apps zu entwickeln. Hier schlägt Apple die Tür vor Adobes Nase zu.
Keynote zum Nachschauen
Am Ende der Keynote
Wie üblich hat Apple auf eine Live-Übertragung der Keynote verzichtet — die Aufzeichnung findet man aber inzwischen online über iTunes.




















