Jungen Webdesignern auf der Spur

Design Impulse für das Web sind schon ver­pufft, sobald sie ‘Stan­dard’ gewor­den sind. Sites fal­len nicht mehr auf, ret­ten kann bloß noch der Con­tent! Da trifft es sich gut, dass ein Teil der User direkt auf den Con­tent zusteu­ert, ver­wert­bare Infor­ma­tio­nen suchend. Ist man jedoch auch an visu­el­len Rei­zen inter­es­siert, an einer inspi­rie­ren­den Auf­ma­chung, die ihrer­seits etwas, viel­leicht sogar etwas Wich­ti­ges ver­mit­telt, sind neue Ideen gefragt.

Mit dem Auf­kom­men von Con­tent Manage­ment Sys­te­men (CMS) ist das Web ärmer gewor­den. Viel­fach wird die vor­ge­ge­bene Struk­tur von Kopf, Spalte(n), Fuß leid­lich aus­ge­nutzt. Der Auf­bau von Web­sei­ten ähnelte sich zuse­hens. Man fin­det sich heute schnell zurecht, hat die Infor­ma­tio­nen, falls sowas gebo­ten wird, in der Regel auch rasch gefun­den. Frag­lich ist jedoch, ob man nach zehn Minu­ten noch weiß, unter wel­cher URL. Hat man kein Lese­zei­chen gesetzt, kann es vor­kom­men, dass man die Recher­che noch mal begin­nen muss, um spä­ter erneut nach­zu­schauen. An die Stich­worte für die eige­nen Suche wird man sich bes­ser erinnern.

Eine wei­tere Maß­gabe, die durch­aus nach­voll­zieh­bar ist, resul­tiert aus der all­täg­li­chen Über­rei­zung mit Daten und Infor­ma­tio­nen. Klare Struk­tu­ren zu set­zen, durch ein mög­li­cher­weise ver­wir­ren­des Design nicht den Site User zu ver­lie­ren, war und ist heute noch ein wich­ti­ger Bestand­teil kon­zep­tio­nel­ler Pla­nun­gen. Viel­leicht lässt sich diese Maß­gabe aber varia­bler ein­set­zen, als es über­li­cher­weise geschieht.

Die Trends

Die Web­de­si­gner Wall hat einige Design Trends auf­ge­grif­fen. Hoff­nungs­froh klin­gen noch die Worte: “that web­de­sign in 2010 is going to be fun and fil­led with expe­ri­men­tal works”. Lei­der muss dann aber die Ein­schrän­kung gemacht wer­den: “If your tar­get audi­en­ces are desi­gners”. Der Grund für diese mas­sive Ein­schrän­kung liegt an der Ver­wen­dung von tech­ni­schen Neue­run­gen wie HTML 5, CSS 3, und RGBA, ebenso an dem Ein­satz von Schrif­ten, die nicht auf jedem han­dels­üb­li­chen Com­pu­ter instal­liert sind. Auf den ers­ten Blick ist mit die­sem Expe­ri­ment wenig gewonnen.

Eine Schrift wie Geor­gia wird noch rela­tiv häu­fig auf Rech­nern gefun­den. Der frucht­bare Ein­satz im Web, die Les­bar­keit inner­halb von Brow­sern, ist jedoch an Bedin­gun­gen geknüpft. Bis­lang bevor­zugte man eine seri­fen­lose Schrift wie die Ver­dana. Als Bei­spiel einer nicht gelun­ge­nen Umori­en­tie­rung sei die Site der New York Times ange­führt. Die kleine Schrift in den Kolumm­nen der ers­ten Seite ist äußerst unru­hig, unver­gleich­bar mit einem Ein­satz von Seri­fen­schrif­ten in pro­fes­sio­nel­len Pro­gram­men für das Lay­out, schließ­lich im Druck. Auch ist der Fak­tor Weiß im Hin­ter­grund für die klei­nen Seri­fen viel zu domi­nant: Die fei­nen Linien gehen ver­lo­ren. Die auf der Site unten ange­führ­ten Lis­ten las­sen sich kaum noch lesen, sogar schwer­lich mit einer Lesebrille!

Alter­na­tiv kann in der Pro­gram­mie­rung aber die Schrift­größe ver­än­dert wer­den: Ist es nicht erfor­der­lich, umfang­rei­chen Text auf einer Seite zu bie­ten, las­sen sich Seri­fen­schrif­ten durch­aus ein­set­zen. Ein posi­ti­ves Bei­spiel hat die junge bri­ti­sche Design Firma Ana­log Coop Limited prä­sen­tiert. In der CSS Datei wer­den die Fonts Ame­ri­can Typ­wri­ter und Geor­gia vor­ge­ge­ben. Der Hin­ter­grund ist in einem Grau­ton gehalten.

Die neuen Trends in der gra­fi­schen Gestal­tung zei­gen ver­mehrt tex­tu­ren­hafte Ele­mente. Eini­ges davon hat Retro Touch: Beim Auf­ruf der Web­de­si­gner Wall wird man von Blu­men­mo­ti­ven emp­fan­gen, die an die 60er jahre des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts erin­nern kön­nen. Ana­log Coop Limited bie­tet auf der eige­nen Web­site den neu gestal­te­ten Charme einer indus­tri­el­len Ver­gan­gen­heit und zeich­ne­ri­sche Motive. Auf­fäl­lig an die­sen Bei­spie­len ist eine neue Mäch­tig­keit der Hea­der. Ist man im Netz mit einem Note­book unter­wegs, wird man durch die geringe Höhe des Bild­schirms leicht erschla­gen. Als Grund­lage für den Auf­bau die­nen die vor­ge­ge­be­nen Mög­lich­kei­ten von CM Sys­te­men. Erstau­nen kann, dass Ana­log über­haupt ein sol­ches Sys­tem ein­ge­setzt hat: Die im bes­ten Sinne schlicht gehal­te­nen Site ver­fügt nur über eine zu scrol­lende Seite und keine sepa­rat ange­legte Navigation.

Mini­ma­lis­tisch tritt der Osloer Desi­gner Johan­nes Gor­set auf. Glaubt man den im Netz zugäng­li­chen Online Hil­fen, ist der Domain Name ‘for­rykt’ mit ‘crazy’ bzw. ‘ver­rückt’ über­setz­bar. Im Auf­bau der Site ist auf einen Hea­der und eine sepa­rate Navi­ga­tion ver­zich­tet wor­den. Der Con­tent wurde mit Hin­ter­grund­gra­fi­ken in weiß / schwarz / weiß abge­setzt. Die Gestal­tung wirkt sehr auf­ge­räumt und klar. Die weni­gen Bil­der — zen­tral ein kom­po­nier­tes asia­ti­sches Haus — geben den unter­schie­de­nen Berei­chen einen gra­fi­schen Zusam­men­hang, außer­dem eine pas­sende Stim­mung. Als Schrift wurde Ver­dana / Hel­ve­tica vor­ge­ge­ben. Lei­der sind zwei der bereichs­weise inte­grier­ten Links mit wei­ßer Schrift und hell­grauem Hin­ter­grund aus­ge­führt: des­halb kaum lesbar.

Das Selbst­ver­ständ­nis

Die ange­führ­ten Ent­wick­lun­gen jun­ger Web­de­si­gner ent­spre­chen einem beson­de­ren Spe­cial Inte­rest: Der jewei­li­gen Suche nach einem Selbst­ver­ständ­nis als Desi­gner. Eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den Arbei­ten lohnt sich alle­mal. Inspi­ra­tion fällt nicht vom Him­mel. Her­vor­zu­he­ben sind die tech­nisch reduk­ti­ven Ele­mente und die krea­tive gra­fi­sche Gestaltung.



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