Die Leipziger Buchmesse lockte und alle kamen: Vor allem am Samstag ging nichts mehr, der Sonntag bot dann ein entspannteres Bild. Zwei große Publikumsmengen ließen sich auch dieses Jahr auf Anhieb unterscheiden. Die Leser und die Cosplayer. Die aus Japan importierte Variante der Verkleidung durchsetzte das Erscheinungsbild, die Szene zeigt sich dabei durchaus nicht fotoscheu und teilweise professionalisiert. Die schon im Abmarsch befindlichen Anime-Krieger stöhnten kurz auf, als ich um ein Gruppenbild bat. Schneller, als die Kamera aus der Tasche gepult war, sortierte sich die Gruppe und warf sich in Position. Beeindruckend.
Im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse wendet sich Leipzig an den „Endverbraucher“. Nicht nur auf der Messe, die ganze Stadt ist in das Literaturgeschehen eingebunden, bekannte und weniger bekannte Autoren lesen an allen Ecken und Enden. Auf der Messe selbst wird dem Schriftsteller wieder bewusst, wie absurd es eigentlich doch ist, dem Büchermeer ein weiteres Buch hinzuzufügen.
Mein erster Weg führte zum alten Weggefährten Dietrich zu Klampen, ein Verleger wie aus dem Bilderbuch. Eloquent und engagiert führt er den zu Klampen-Verlag und ist auch Neuerungen aufgeschlossen. Im Gegensatz zu anderen Ständen, an denen sich die erschöpften Aussteller kurz vor Toresschluss schon die Kante gaben (berühmt ist der Single Malt bei den „Horen“), plauderten wir bei prickelndem deutschen Wasser über die Zukunft des Buches und vor allem der kleinen Verlage.
Das Seufzen im Blätterwald: Qualität lasse sich immer schwerer an Mann und Frau bringen, die Massenware dominiere Auslagen und Verkäufe. Aber man kämpft, geht neue Wege und geht sie konsequent. Zu Klampen sieht zum Beispiel den E-Book-Markt auch als Chance, neue Zielgruppen zu erreichen. Beim „Wolkenkoffer“ für das iPhone hat das funktioniert, das E-Book taucht selbst in der Apple-Werbung zum Touch-Gerät auf und erfüllte diese Hoffnung. Leser des kostenlosen virtuellen Buches griffen auch zum gedruckten Buch.
Die anspruchsvolle Literatur kommt allerdings auch gewichtig daher. Wer den Ziegelstein „Unendlicher Spaß“ und das Brikett „2666“ mitnimmt, weiß, wie schwer Literatur wirklich sein kann. Aber beide Bücher sind doch eher Leichtgewichte gegen ein anderes Werk, das man auf der Messe als Blindband bewundern konnte.
Denn die Umsetzung von Arno Schmidts „Zettels Traum“ geht in die Endphase. Die Arno Schmidt-Stiftung lockte denn auch damit: Wer den Band am ausgestreckten Arm mindestens fünf Minuten halten konnte, sollte ihn mitnehmen dürfen. Länger als eine Minute schaffte es angeblich keiner, der mehrere Kilo schwere Band blieb bis zum Schluss der Messe.
Gewichtig war auch die Herausforderung, die der Typograf Friedrich Fossmann annahm. Denn die bisherigen – nicht weniger „leichten“ Ausgaben – des Großwerkes präsentierten lediglich ein Faksimile des auf A3-Blättern Typoskriptes von Schmidt, inklusive der handschriftlichen Korrekturen. Der Wunsch, den Drei-Spalten-Roman gesetzt zu sehen, konnte zu Lebzeiten des Schriftstellers nicht realisiert werden – dagegen sprachen nicht nur Kostengründe, die technischen Voraussetzungen waren im Vor-DTP-Zeitalter einfach noch nicht gegeben.
Fossmann begann bereits 1988 mit den Planungen, Günter Jürgensmeier unterstützte dann die konkrete Satz-Arbeit. Letztlich flossen mindestens fünf Mannjahre in den Satz, erklärt Fossmann, die Satzarbeit dauerte länger als Schmidts Arbeit am Werk. Als Schriften kommen die Gill Sans und Bembo zum Einsatz. Besondere Hürde war der Blocksatz, den auch Schmidt mit dem ungenügenden Mittel der Schreibmaschine angestrebt hatte. Der Blocksatz ist die normale Satzart der Literatur, stellt Fossmann denn auch klar.
Am 1. Oktober 2010 soll das Werk über den Suhrkamp-Verlag in drei Ausgaben vorliegen: Eine Studienausgabe in vier Bänden, eine Standardausgabe und eine Vorzugsausgabe auf Halbpergament. Die Subskriptionspreise beginnen bei 200 Euro und enden bei 448 Euro. Die Standardausgabe in einem Band erreicht das Format 25 mal 34 Zentimeter, rund 1530 Seiten wird sie stark sein – die Typoskript-Buchausgabe aus dem S. Fischer-Verlag brachte es „lediglich“ auf 1360 Seiten und 7,6 Kilogramm.
Neben den Äußerlichkeiten darf man sich aber vor allem darauf freuen, dass man Arno Schmidts Hauptwerk – ob es nun gelungen ist oder nicht – endlich halbwegs flüssig lesen und beurteilen können wird. Es steht also eine Neurezeption an, die wohl kaum lange auf sich warten lassen dürfte.
Wie sieht es aber mit Schriftstellern aus, die selbst ein literarisches Meisterwerk verfasst haben und auf der Suche nach einem geeigneten Verlag sind? Auffällig warben einige Stände auf der Messe mit dem Slogan „Autoren gesucht“. Mehr muss man nicht wissen, denn kein „echter“ Verlag sucht so offensiv Autoren. Wer mehr zu dem Thema wissen will, lese bei FairLag weiter.
http://www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com/
Die Buchmesse ist aber ein geeigneter Ort, um sich mit dem Programm von Verlagen vertraut zu machen und den richtigen für das eigene Manuskript zu finden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, denn eine Nachfrage bei Hanser ergab, dass tatsächlich viele Autoren „irgendetwas“ einschickten. Kochbücher haben aber in einem Belletristikverlag schlechte Karten. Ansonsten gilt die übliche „Bewerbung“: Anschreiben, Exposé, Lebenslauf, Leseprobe. Die Chance, ohne Literaturagenten bei großen Verlagen unterzukommen, nimmt allerdings ab. Andersherum nehmen Agenten ungern Manuskripte an, die man schon erfolglos an Verlage herumgeschickt hat.
Davor steht allerdings noch ein wichtiger Schritt: Man muss erst zum Schriftsteller werden. Unter dem Schild „Das Podium jüngster Autoren“ entdecke ich dann auch tatsächlich eine stillende Mutter – früher lassen sich erste Schritte in das Autorenleben kaum unternehmen.
Über die Leipziger Buchmesse könnte man noch tagelang schreiben. Am Ende steht aber eine Erkenntnis: Bedingt durch günstigste Druckpreise boomen nicht nur Online-Druckereien wie flyerpilot.de, inzwischen sind bereits Onlinetiefkühler unterwegs.
Ich lasse mir das Wort noch mal auf der Zunge zergehen. Onlinetiefkühler. Das könnte glatt eine Idee für ein Buch sein. Ein Bestseller gar. Als ich den Rückweg antrete, schiele ich auf das verwaiste blaue Sofa, das vier Tage lang Mittelpunkt des Literaturbetriebs war. Und ich weiß gerade nicht, ob ich dort wirklich sitzen wollte. Wenn man ich denn fragte, wenn mein Buch „Onlinetiefkühler“ auf den Stapeln in den Buchhandelsketten ausläge.
Die Frage stellt sich nicht. Auf dem Rückweg vermisse ich Leipzig und ich freue mich schon auf die Buchmesse nächstes Jahr, dem großen Familientreffen der seltsamen Menschen, die ihr Leben den Büchern gewidmet haben. Die Geschäftsleute laufen dann wieder in Frankfurt auf.



















Zur Neurezeption von Zettel’s Traum vgl. etwa: http://zettels-traum-lesen.de/